
 | Der Lohn des Zuspätkommens Eilig darf man es nicht haben, wenn man mit Harald Grill (links) unterwegs ist. Seine Autorenkollegen Bernhard Setzwein (Mitte) und Friedrich Brandl (rechts) können ein Lied davon singen. Bild: Günter Moser
Harald Grill ist 60 Jahre alt geworden und lässt sich weiterhin Zeit
Unser Autor Harald Grill hat das sechste Lebensjahrzehnt vollendet. Herzlichen Glückwunsch. Statt vieler, oft nichtssagender Lobreden hier eine einzige Laudatio, die Kollege Bernhard Setzwein in der Zeitung "Der neue Tag" veröffentlicht hat und die unseren Harald Grill genauso beschreibt, wie er ist:
Es gibt Sätze, sogenannte Merksätze fürs Leben, die werden von aller Welt nachgeplappert und keiner fragt, ob sie auch wirklich stimmen, ausnahmslos und in jeder Situation. Ein solcher Satz stammt von Michail Gorbatschow und wurde gesprochen am 40. Jahrestag der DDR, wenige Wochen vor dem Mauerfall. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Seither ist dieser Satz eine beliebte Floskel und anwendbar auf scheinbar alles. Für Harald Grill stimmt er jedenfalls nicht.
Der ist auch schon oft zu spät gekommen, mein Gott, was wurde auf den schon gewartet. Seit Kindesbeinen an, er erzählt es selbst am liebsten und ausführlichsten, hatte er ein Problem mit seiner Langsamkeit. Schon auf dem Schulweg lenkte ihn dermaßen viel ab, dass er sich nur zu gern verspätete. Mag sein, dass er damals noch dafür bestraft wurde. Mittlerweile liebt man ihn geradezu dafür. Weil er der ganzen Welt zeigt: Seht her, es geht auch langsam. Harald Grill hat die Langsamkeit zu seinem Markenzeichen erhoben. Und das Leben belohnt ihn dafür.
Damit sind jetzt gar nicht einmal die vielen Preise, Auszeichnungen und Ehrungen gemeint, darunter der Marieluise-Fleißer-Preis, der Friedrich-Baur-Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und – ganz aktuell – die Entscheidung der Stadt Landshut, Harald Grill ihre 15. Literaturtage zu widmen. Bemerkenswert an letzteren ist nicht nur, dass sich dabei vom 7. bis zum 30. November gleich ein ganzer Veranstaltungsreigen von Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Ausstellungen mit seinem Werk befasst, sondern in welche Reihe er dadurch gestellt wird, nämlich neben Autoren wie Heimito von Doderer, Günter Eich und Reiner Kunze. Doch wie gesagt, das meine ich gar nicht. Womit ihn das Leben für seine Langsamkeit und sein Zuspätkommen weitaus mehr belohnt hat, ist diese ganz besondere Fähigkeit, Dinge eingehend und gründlich betrachten zu können. (Etwas, was man immer gebrauchen kann, nicht nur beim Schreiben.)
Jeder Leser von Harald-Grill-Büchern weiß, wovon ich spreche. Von der eminenten Sinnlichkeit und Anschaulichkeit, der sofortigen Nachvollziehbarkeit dessen, was er beschreibt. Beschreibt in hunderterlei Details, ausgestattet anscheinend mit einer ganz besonderen Erinnerungsgabe (dabei ist es nur das ständige zu spät kommende Tritscheln, das er kultiviert, um sich jede Kleinigkeit genau zu merken). Erst jüngst konnte man dies alles wieder bestaunen, in seinem großartigen Kindheitsroman „gehen lernen“, für den er sich viele Jahre Zeit gelassen hat. Das Ergebnis ist die Schilderung seiner eigene Kindheit – mit dem kriegsversehrten Vater, der schlesischen Flüchtlingsverwandtschaft, den Spielkameraden und der Mutter natürlich – in einer Farbigkeit und Lebendigkeit, die ihm nur wenige nachmachen.
Ja, das „Gehen lernen“, es ist das Lebensthema von Harald Grill. Keiner hat das Wort „Lebenslauf“ so exzessiv auseinandergenommen wie er. Einmal musste er ihn sogar machen, in Taten, nicht nur in Gedanken, um das alles verstehen zu können: den Lauf seines Lebens. Er führte ihn einmal quer durch Europa, zu Fuß selbstverständlich, mit allerlei Verspätungen (seinen Fünfzigsten feierte er, entgegen der Planung, irgendwo unterwegs alleine). Seitdem erzählt er mit Wonne von diesem „Zweimal Heimgehen“, gerne auch in Schulen, und dann erschrickt er mitunter, wenn die Schüler ihm sagen, da seien sie noch gar nicht auf der Welt gewesen, als er zu dieser Wanderung aufbrach.
Was, schon wieder soviel Zeit vergangen?! Ja, es ist unglaublich. Und das große Buch dieser Europawanderung ist immer noch nicht da. (In Kürze wird man Ausschnitte daraus in der Literaturzeitschrift „Passauer Pegasus“ lesen können!) Nicht wenige Leser warten sehnsüchtig darauf. Harald Grill weiß es sicherlich, lässt sich aber trotzdem nicht zur Eile antreiben. „Dann müssen’s halt noch warten.“ Wie oft habe ich den Satz, in völliger Unaufgeregtheit von ihm hingebrummt, gehört. Ich habe fast den Verdacht, Harald Grill will seinen Lesern auf sanfte Art etwas beibringen. Nämlich dass es manchmal sein kann, dass einen das Leben belohnt fürs Zuspätkommen.
Bernhard Setzwein
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